Jetzt geht es an die Teilzeit
„Was die Japaner machen, ist unlauterer Wettbewerb. Die arbeiten doch tatsächlich während der Arbeitszeit.“
Ephraim Kishon
Der politische Rahmen
Der deutschen Wirtschaft geht es schlecht. Eigentlich sind die Gründe sonnenklar. Aber genau die will die Regierung nicht hören. Also sucht man andere Kriegsschauplätze. Merz ist dabei ja sehr fündig. Mal hackt er auf den Unternehmern rum, die seien nicht innovativ genug, würden nicht genug investieren. Dann arbeiten wir zu wenig, die Schweizer würden 200 Stunden mehr arbeiten als wir, so Merz beim WEF. Zudem seien deutsche Arbeitnehmer zu oft krank, man müsse mal über die Lohnfortzahlung nachdenken.
In den letzten Tagen kommt nun ein neuer Aspekt auf den Schirm. Die Teilzeit sei schuld. Man müsse das Recht auf Teilzeit wieder abschaffen.
Grundsätzliche Überlegungen zur Teilzeit
Bis vor wenigen Tagen wusste ich nicht einmal, dass es ein Recht auf Teilzeit gibt. Ich habe dann mal gegoogelt. Und es ist tatsächlich so, dass es unter bestimmten Voraussetzungen ein Recht auf Teilzeit gibt. Ich will sie hier nicht mit Details belästigen. Ob es so ein Recht gibt hängt unter anderem aber auch von der Größe des Unternehmens ab.
Jetzt, wo ich mich näher mit der Materie beschäftige, frage ich mich, warum es da überhaupt eine gesetzliche Regelung gibt? Denn ich kenne viele Berufsfelder, wo Teilzeit schon immer möglich war. Meine Frau arbeitet in einer Physiotherapie-Praxis. Dort gibt es viele Therapeuten, die in Teilzeit arbeiten. Und nach Aussage einiger Mitarbeiter, ich war da mal länger in Behandlung, hat es Teilzeitkräfte schon immer gegeben. Der Arbeitgeber muss in diesen Fällen lediglich planen, dass für die entsprechenden Therapeuten die entsprechenden Behandlungsplätze zu Verfügung stehen. Das heißt, die Arbeitszeiten sind dann natürlich Teil des Arbeitsvertrages.
Ich bin mir sicher, das geht auch in anderen Bereichen. Ich kenne Situationen, wo sich zwei Leute einen Posten geteilt haben. Jeder von denen hatte also eine halbe Stelle. Bei Bürotätigkeiten ist das gar nicht mal so selten.
Ich bin der Überzeugung, dass der Arbeitgeber sehr genau weiß, ob Teilzeit in seinem Betrieb möglich und sinnvoll ist. Also lassen wir ihn doch einfach mal machen.
Klar ist auch, dass Arbeitgeber lieber mit Vollbeschäftigten arbeiten. Der bürokratische Aufwand ist da einfach weniger. Aber in Zeiten von Fachkräftemangel nimmt man auch schon mal Teilzeitkräfte, bevor man überhaupt keine bekommt. Und es gibt Stellen, wo der Beschäftigte gar nicht voll ausgelastet werden kann. Auch da werden gerne Teilzeitstellen ausgeworfen. Ich erinnere mich da noch an meine Schule. Da hatten wir eine Sekretärin in Vollzeit und eine in Teilzeit. Sie sehen, das ging schon in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts.
Gründe für Teilzeit
Was in den Reden unserer „Politelite“ rüberkommt, erweckt den Eindruck, als habe Teilzeit was mit „Work-Life-Balance“ zutun. Das mag in Einzelfällen sogar richtig sein. Bei den Meisten dürften aber handfeste Gründe eine Rolle spielen. Und da will ich ihnen einige wenige aufzeigen.
Kindererziehung
Wer Kinder hat kennt das Problem. Solange sie ganz klein sind, muss einer der Partner zuhause bleiben. Glücklicherweise gibt es jetzt schon ein Anrecht auf Betreuung ab dem ersten Lebensjahr. In der Regel ist das aber nur eine Halbtags-Betreuung, so dass der betreuende Elternteil nur Teilzeit arbeiten kann. Sicherlich ist manchmal auch eine Ganztagsbetreuung möglich. Das kostet aber. Und wenn dann die Betreuungskosten das monatliche Gehalt auffressen, dann überlegt man sich das zweimal.
Kommen die Kinder in die Schule, dann setzt sich das Problem fort. Auch dort sind die Kinder in der Regel nur halbtags. Und keiner kann erwarten, dass Grundschulkinder schon alleine zuhause klarkommen. Das geht vielleicht, um eine halbe Stunde zu überbrücken, aber dann muss ein Erwachsener vor Ort sein. Opa und Oma gehen auch nicht immer, die arbeiten ja häufig selbst noch.
Frühestens mit Besuch einer weiterführenden Schule, kann man die Kinder schon mal alleine lassen. Sie sind dann zwischen zehn und elf. Aber Vorsicht, wenn dann was schiefgeht, kann das auf Verletzung der Aufsichtspflicht hinauslaufen. Sicher sind sie erst, glaube ich wenigstens, wenn die Kinder das 14. oder 16. Lebensjahr vollendet haben. Und genau bis dahin ist für den betreuenden Elternteil nur Teilzeit möglich.
Betreuung von Pflegebedürftigen
Für die Betreuung von Pflegebedürftigen gilt eigentlich das Gleiche. Bei den heutigen Kosten für Pflegeplätze ist eine Vollpflege oftmals kaum möglich. Auch die Pflegeversicherung hilft da nicht wirklich weiter. Zudem gibt es nicht einmal ausreichend Pflegeplätze. Ich kenne aus meiner Nachbarschaft viele, die eine häusliche Pflege in Anspruch nehmen. Da muss dann auch die Verwandtschaft mit ran. Wenn die noch alle einen Heimplatz brauchten… Ich will da gar nicht weiter darüber nachdenken.
Klar ist, ohne Teilzeit ginge auch hier vieles nicht.
Finanzielle Gründe
Ich war Soldat, und somit dem Beamten gleichgestellt. Das heißt meine Kosten im Krankheitsfall wurden teilweise von der sogenannten Beihilfe übernommen. Soldaten haben da noch einen Sonderstatus, ich will da nicht weiter drauf eingehen. Der Beamte selbst muss sich zu 50%, seine Ehefrau (wenn sie nicht arbeitet) zu 30% und die Kinder zu 20% privat versichern. Durch die zwei Kinder ist meine Frau lange Zeit keiner sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgegangen. Erst als die Kinder flügge waren, konnte sie wieder voll arbeiten gehen.
Was sie hier allerdings wissen müssen. Da ihre sozialversicherungspflichtige Arbeitszeit vergleichsweise kurz ist, hat sie keine Chance im Rentenalter gesetzlich versichert zu werden. Sie bleibt also weiterhin auf die Beihilfe angewiesen. Jetzt lässt das Beihilferecht allerdings einen gewissen Zuverdienst des Ehepartners zu. Solange sie diesen nicht überschreitet, bleibt sie weiterhin Beihilfe berechtigt. Zahlt somit auch keine Beiträge für die Krankenkasse. Würde sie also voll arbeiten, würden ihr diese Beiträge abgezogen. Die private Restkostenversicherung müsste dennoch als Ruhendversicherung weitergeführt werden. Das heißt, bei Vollbeschäftigung würde sie unterm Strich weniger haben als jetzt. Und ausschließlich für den Staat zu arbeiten, ist für uns beide keine Option.
Zusammenfassung
Für Teilzeitbeschäftigung gibt es viele Gründe. Sie deshalb als Grund für die missliche wirtschaftliche Lage heranzuziehen, ist für mich unverschämt. Zudem würde die Produktivität durch Abschaffung der Teilzeit nicht gesteigert. Das erläutere ich ihnen in einem späteren Beitrag.
Und die, die Teilzeit arbeiten, weil ihnen Work-Life-Balance wichtig ist, dürften gar nicht großartig ins Gewicht fallen.
Ich glaube, mit diesem Vorstoß will man wieder davon ablenken, dass man für notwendige Reformen nicht die erforderlichen Fähigkeiten besitzt.